Trinken mit Konzept!

Erst einmal anstoßen aufs neue Jahr. Das ist schließlich noch jung, außerdem haben sich Andreas und Andreas, die beiden Freunde und Betreiber des neuen Getränke-Geschäfts „Tante Frizzante“ in Berlin-Neukölln, in diesem Jahr noch gar nicht gesehen. Der eine – Andreas Diermeier – hat zwischenzeitlich unter der südostasiatischen Sonne eine beneidenswerte Bräune bekommen, der andere – Andreas Angerer – war in Köln. Auch schön. 


Prosecco mit hippem Look

Jetzt aber anstoßen. Mit Prosecco, der „Tante Frizzante“-Hausmarke. Spritzig ist er, frisch und trocken, leicht moussierend, der Prosecco DOC aus Treviso. Mit seinen poppigen Etiketten sieht er ziemlich hip aus, nicht so gediegen wie klassischer Prosecco meist daher kommt. „Wir wollten unbedingt einen eigenen Prosecco haben“, erklärt Andreas Diermeier. Den trinken die beiden nämlich sehr gern, zum Beispiel beim Feiern. Eine Freundin der beiden tanzte auf einem Festival stets mit einer Flasche Prosecco in der Hand, Tag und Nacht. Schnell hatte sie den Spitznamen „Tante Frizzante“ weg. Als dann einige Monate später die Idee zum Getränkeshop heranreifte und ein Name gesucht wurde, tauchte der Begriff „Tante Frizzante“ wieder auf – jetzt leuchtet er über der großen Glasfront des Geschäfts. 
Eine Prosecco-Hausmarke haben viele Läden, eine so hip aussehende wie hier selten: Die Etiketten für die erste Charge wurden nämlich von vier Künstlern aus Berlin und Leipzig gestaltet. Anna Haifisch entwarf das „Frizzicante“-Etikett (darauf sind zwei äußerst proseccoselige Männchen an einer Haltestelle), „Frog“ von Aisha Franz zeigt einen Frosch, der es sich auf einer Luftmatratze gut gehen lässt. „Frizzante“ von Tim Romanowsky zeigt eine Partyszene und bei „Tante Oval“ gießt eine Nixe einer anderen Schaumwein in den Mund. Streetart-Style auf der Prosecco-Flasche – und zwar streng limitiert: Nur 500 Flaschen je Etikett werden verkauft, neue Designs wurden bereits eingereicht und bald wird es neue Editionen geben. Produziert wird „Tantchens Prosecco“, wie man ihn hier nennt, in Zusammenarbeit mit der Firma „CBS Rixdorf“, die am schönen Richardplatz sitzt und auch die „Prickelnixe“ von Frank Zander vertreibt. Ein Gutteil der Weine von kleinen Produzenten, die es hier gibt, werden ebenfalls über CBS bezogen, weitere von Fine Wine“ aus der Jonasstraße gleich um die Ecke. Echte Neukölln-Connection.  


Ein Ort für Getränke-Fans

Was ist das hier nun? Ein Premium-Spätverkauf? Eine Getränke-Boutique? Blickt man sich um, wird schnell klar. Die „Tante Frizzante“ hat weder das gediegene Ambiente einer klassischen Weinhandlung noch die auf optimale Platznutzung ausgerichtete Funktionalität eines Spätis, derer es ringsum viele gibt, nebst Gebraucht-Küchengeräte-Shops, Gemüsehändlern und Shisha-Lounges. Ein GAM (Getränke-Abholmarkt), in dem sich auf nackten Fliesen die Kisten türmen, ist es aber auch nicht: Die Weine, Biere, Limonaden und Spirituosen werden attraktiv präsentiert, in alten Industrielager-Regalen mit Fensterrahmen, farbiger Ausleuchtung und guter Akustik aus freihängenden Boxen. „Tante Frizzante“ steht einem Concept-Store für Mode, wie man sie in Berlin-Mitte zuhauf findet, in nichts nach. Und Bingo, genau das will man auch sein: „Wir sind ein Drinks Concept Store“, sagt Andreas Diermeier. „Wir haben Getränke, die nicht auf den Listen der Großen stehen und die es auch in den Spätis ringsum nicht gibt.“ Viereinhalb Monate hat man die Fläche – vorher ein Kulturtreff – in Eigenleistung entkernt und neu hergerichtet, dann die Produkte einsortiert. 800 Stück auf 110 Quadratmetern hat man schon im Angebot, fast 700 davon sind Getränke, dazu ein paar Knabbereien. Von veganen Weinen über Hamburger Gurken-Limonade (ein Geheimtipp für Gin-Tonic-Fans) bis zu Craft-Bieren aus Berlin und einigen handverlesenen Spirituosen ist das Angebot wahrhaft umfang- und facettenreich.

Erlesenes Portfolio – auch für die Gastronomie 

Größtenteils bezieht man die Getränke direkt vom Hersteller, viele sind quasi-exklusiv, weil sie selbst im großen Berlin sonst nirgendwo zu bekommen ist. Das bekommen auch immer mehr Gastronomien mit, die auf das Sortiment ebenfalls zugreifen können. „Immer mehr kleine Hersteller sprechen uns direkt an und schicken uns Muster, das Netzwerk schließt sich immer weiter“, berichtet Andreas Angerer, während ein Mitarbeiter neben uns schon wieder fleißig neue Flaschen einsortiert. Wenn es bald wieder wärmer wird, will man im Shop nicht nur zusätzlich Speiseeis verkaufen, dann wird die „Tante Frizzante“ auch mobil: Mit drei Lastenfahrrädern startet dann die Direktbelieferung, mit dem Schaumwein an Bord wird man Freiluft-Orte ansteuern, wo sich die Menschen zum Feiern tummeln. Prosecco-Delivery! 

Nächste Idee: ein Wein-Informations-System 
Und dann sind da noch die Pläne für ein „geografisches Wein-Informations-System“: Angerer und Diermeyer kommen aus der IT, das digitale Know-how wollen sie mit der Leidenschaft für gute Weine verbinden. Man entwickelt derzeit eine Art Weinkataster mit Informationen über Bodenqualitäten, Niederschlagsmengen, geschmackliche Eigenschaften, Lage der Weingüter bis hin zu Vermietung und Verkauf von Flächen. Inklusive mobiler Bestandserfassung, sodass Winzer vom Smartphone aus seine Weindaten hinterlegen werden können. „Damit wollen wir die enorme Weinvielfalt Europas darstellen“, erklärt uns Andreas Angerer. Man spreche damit den weininteressierten Laien ebenso an wie Ein- und Verkäufer, Sommeliers oder die Tourismus-Branche und ist sich sicher: „Das wird super!“ Nochmal anstoßen: Alles Gute, Tante Frizzante!

 


Tante Frizzante

Hermannstraße 95
12051 Berlin


www.tantefrizzante.de 

Jan-Peter Wulf

Jan-Peter Wulf

jan-peter.wulf

Jan-Peter Wulf ist leidenschaftlicher Gastro-Journalist und Blogger. Er lebt in Berlin und berichtet künftig auf WeinPlaces über alles, was sich in der Szene gerade an Neuem, Spannendem und Leckerem tut.

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