Und was trinkst Du, mein Schatz?

Wein ist ja eine wunderbare Sache. Doch die Geschmäcker sind bekanntlich sehr verschieden. Lieblich oder herb, leicht oder schwer, jung oder gereift, säurebetont oder mild. Bei manchen Weinen steht die Frucht im Vordergrund, andere sind eher von der Lagerung im Holzfass geprägt. Dazu kommen noch Schaumweine und verwandte Produkte, die mit Kohlensäure angereichert sind. Die Qual der Wahl kann schon anstrengend sein. Und gerade bei Frauen und Männern birgt das durchaus Konfliktpotenzial, wenn es um die Auswahl des richtigen Weines geht.

ER und SIE

Vinophiler GeschlechterkampfSIE denkt vielleicht noch an den netten, beschwingten Abend mit den besten Freundinnen, bei dem auch das ein oder andere Gläschen Prosecco getrunken wurde. Oder an das schöne Picknick am See mit dem gekühlten, lieblichen Rosé.
Und ER hält das alles – natürlich nur insgeheim – für „Tussisprudel“ und präferiert eher staubtrockene Weißweine (Riesling von der Saar) oder kräftige, gerbstoffbetonte Rotweine wie einen Cabernet Sauvignon aus Südafrika.
Was tun? Einen Prosecco und einen Rotwein zusammen in eine Karaffe zu schütten, ist wohl kein gelungener Kompromiss. Andererseits ist Weingenuss eine viel zu schöne und fröhliche Angelegenheit, um einen „Rosenkrieg“ wegen unterschiedlicher Geschmacksvorlieben zu riskieren.
In der Weinwelt ist man sich mittlerweile weitgehend einig, dass es eindeutige Geschmackspräferenzen bei Männern und Frauen gibt. Schauen wir dazu erst mal weit zurück in die Geschichte.

Ein Blick in die Geschichte

Als in Europa der Erste Weltkrieg wütete, mussten auch viele Winzer an die Front. Die Bewirtschaftung der Weingüter wurde dann oftmals von ihren Frauen übernommen. Aus Aufzeichnungen und Berichten geht hervor, dass die Weine der Jahrgänge 1917 und 1918 im Durchschnitt deutlich süßer und leichter waren als die der Vorgängerjahrgänge. Nicht nur deswegen wird davon ausgegangen, dass Frauen diesen Weinstil bevorzugen.
Von der Wissenschaft wird diese These vehement bestritten, denn: Die Geschmacksnerven von Frauen und Männern sind komplett gleich. Einzig nachvollziehbar ist allerdings der sich hier schon andeutende Trend zu weniger Alkohol. Das im Durchschnitt niedrigere Gewicht und der höhere Körperfettanteil führen dazu, dass Frauen Alkohol deutlich langsamer abbauen als Männer. Das heißt jedoch nur, dass sie weniger vertragen.

Und das sagt die Wissenschaft

Doch das erklärt nicht die tatsächlich vorliegenden subjektiven Vorlieben, die Weinproduzenten und Wissenschaftler in Studien herausgefunden haben: Die meisten Weintrinkerinnen lehnen demnach kräftige Säure und ausgeprägte Tannine (Gerbstoffe) im Wein ab, Männer finden dies dagegen mehrheitlich gut.
Die Folge: Immer mehr Winzer haben sich auf die geschlechtsspezifischen Geschmäcker eingerichtet und kreieren Weine, die speziell auf die jeweilige Kundschaft abgestimmt ist.

Wer kauft welchen Wein?

Vinophiler GeschlechterkampfNeben den eigentlichen Geschmacksvorlieben spielen aber auch die unterschiedlichen Einkaufsgewohnheiten von Frauen und Männern eine wesentliche Rolle. Eine im Auftrag der Düsseldorfer Weinmesse ProWein erstellte Studie kam 2011 zu dem Ergebnis, dass Frauen beim Weinkauf stärker auf optische Gestaltung und emotionales Design reagieren, während Männer sich oftmals an vermeintlich rationalen Kriterien wie Punktbewertungen orientieren. Das sehen auch führende Weinexpertinnen so. Die britische Buchautorin und „Master of Wine“ Jancis Robinson erklärte dazu: „Frauen gehen viel entspannter an das Thema Wein heran. Für Frauen ist die Wahl eines Weins kein Statussymbol. Frauen wählen einen Wein, den sie trinken wollen, nicht einen Wein, mit dem sie etwas zeigen wollen.“ Und die deutsche Spitzen-Sommelière Christina Fischer geht davon aus, dass „Frauen aus dem Bauch heraus Wein oft viel besser beurteilen können als Männer.“ Salopp könnte man auch sagen, Frauen machen in der Regel viel weniger Gewese um Wein als Männer.

Für die Damenwelt

Moderne Klassiker sind zweifelhaft Prosecco bzw. vergleichbare Weine mit leichter Restsüße, moderater Säure und dezenter Perlage. Auch halbtrockene bis liebliche Sekte und Roséweine erfreuen sich großer Beliebtheit. Das korrespondiert mit der ebenfalls weiblichen Vorliebe für süße, leicht alkoholische Mixgetränke wie „Aperol Spritz“ und „Hugo“. In den USA ist seit einigen Jahren ein weiterer Trend zu beobachten. Dort stieg die Nachfrage hauptsächlich weiblicher Kunden nach lieblichen Rotweinen – für viele männliche Weinfreunde ein absolutes No-Go – binnen weniger Jahre um mehrere hundert Prozent.
Das Marketing spricht häufig von Eigenschaften wie „zart“, „charmant“ oder „unkompliziert“. Solche femininen Beschreibungen findet man beim „Echter Secco pink“ vom VDP-Weingut Juliusspital (momentan ausverkauft). Oder beim sehr zu empfehlenden „Il Rosa“ vom Weingut Borgo Magredo aus dem Friaul.

„Wann ist ein Mann ein Mann?“ (Herbert Grönemeyer)

Vinophiler GeschlechterkampfAls Inbegriff eines „männlichen Weins“ gilt seit jeher ein kräftiger roter Bordeaux. Und manchmal wird die Zielgruppe Männer auch ganz unverblümt angesprochen, z.B. mit dem kräftigen „Vin du Chasseur“ (Jägerwein) vom Chateau Ziltener an der Rhône, den ein Wildschwein ziert.
Männlich, edel und aus Deutschland ist der „Lemberger Trocken Grosses Gewächs“ vom VDP-Weingut Herzog von Württemberg zu empfehlen. Urteil: Kräftig, körperreich und würzig.

Fazit

Wie eingangs erwähnt: Das Schöne an der Weinwelt ist ihre Vielfalt, für jeden Geschmack wird man fündig. Natürlich sollte man allzu platte Klischees vermeiden, denn es gibt natürlich auch Männer, die Prosecco und lieblichen Rosé mögen und Frauen, die sich an knochentrockenem Riesling oder schweren, gerbstoffbetonten Rotweinen erfreuen.

„Männerwein“:
Lemberger Trocken Großes Gewächs 2012 vom VDP-Weingut Herzog von Württemberg, für 24 Euro ab Hof.

„Frauenwein“:
Il Rosa 2012 vom Weingut Borgo Magredo, für 7,40 Euro bei Vicampo.

Captain Cork

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Der Captain und seine Weintester-Crew berichten regelmäßig für uns über Entdeckungen, Trends und was ihnen auf ihrer großen Fahrt über die weite See der Weinwelt so auffällt.

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