Unser Autor Stevan Paul…

…hat sich bis ganz unten durchgetrunken und ist in Down Under gelandet. Dort hat er ein Food & Wine Pairing erlebt, das die  ganze Reise wert war. 

Stevan Paul in Australien

Bummelige drei Autostunden sind es von der Millionenstadt Perth bis an die Südwestspitze von West-Australien und hinein in eine der größten und bekanntesten Weinregionen des Landes: Margaret River. Ein warmer Wind weht vom nahen Indischen Ozean, auf dem sonnengegerbte Surfer tanzen, durch hügelige Weinberge, die Sonne streift durch die fl

irrenden Blätter der Eukalyptuswälder. Die Bäume gehören zu den Höchsten der Welt, wie überhaupt alles in Margaret River ein bisschen größer zu sein scheint; alleine die Landschaft ein Superlativ und die Weine, die hier wachsen und werden, gehören zu den besten des Kontinents, sind Weltklasse. Über 15 % der australischen Premiumweine kommen aus der Region, überwiegend konzentriert man sich hier auf Cabernet Sauvignon, Merlot, Chardonnay, Shiraz, Sauvignon Blanc, Semillon, Chenin Blanc und Cabernet. Ich bin unterwegs zu einem der größten Weingüter hier, denn beim Voyager Estate pflegt man die Kunst der Vermählung von Speisen und Wein auf höchstem Niveau, das Weingut ist berühmt, nicht nur für seine Weine, sondern auch für seine preisgekrönte, regionale Jahreszeitenküche, bei der die Weine des Hauses die Inspiration sind und im Mittelpunkt der Planung für das sogenannte „Discovery Menu“ stehen – ich bin gespannt.

Stevan Paul in Australien

Weil hier alles wirklich ein bisschen größer ist, werde ich am Besucherparkplatz von einem Guide im Open-Air Bus abgeholt, anschnallen und los geht es, erst mal zur Estate Tour, die jeden Tag um 11 Uhr für bis zu zehn Gäste angeboten wird. Weinberge und Wälder rauschen und rumpeln vorbei, an jeder Ecke ein anderes Mikroklima, eine „Tour des Terroirs“. In der Ferne blitzt weiß das hochherrschaftliche Anwesen im südafrikanischen Cape Dutch Stil, gesäumt von gepflegten Gartenanlagen. Auf den Rasenflächen des Gutes möchte man Golf spielen oder wenigsten einmal Schuhe ausziehen und barfuß drüber laufen. 300 Hektar Land, 117 Hektar davon Weinberge. Der größte unterirdische Fasskeller Australiens findet sich hier auch. Hausherr Michael Wright, der das Weingut ab 1979 aus dem landwirtschaftlichen Betrieb der Familie heraus entwickelte, pflegt ein ungewöhnliches Hobby: Seine Liebe zu antiken Turbinen und Stromtransformatoren aus allen Zeiten führte zu einer Sammlung ebensolcher historisch relevanter Mini-Kraftwerke, die hier und da am Wegesrand stehen und auch funktionieren. Im Ernstfall könnten mit den Maschinen 70 % des auf dem Weingut benötigten Stroms selbst erzeugt werden. Auch bei Australiens teuerstem Rohstoff ist man autark – durch zwei eigene Seen und eine Wasser-Recycling-Anlage.

Stevan Paul in AustralienDie Weinmacher Steve James und Travis Lemm sind stolz auf Ihre gradlinigen, eleganten Weine die nur Traube und Terroir verpflichtet sind. Und wie die schmecken, erlebt und entdeckt man am besten im Voyager Estate Restaurant. Seit drei Jahren arbeiten Küche und Keller hier intensiv zusammen, für ein außergewöhnliches, vom Service moderiertes food & wine experience: das Discovery Menu. Dabei werden nicht nur Speisen und eigene Weine in fünf Gängen kombiniert, jeder Gang führt auch tiefer in die Geschichte und Philosophie des Weingutes.

Explore, Discover, Enjoy

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Stevan Paul in AustralienZum Auftakt der Reise gib es ein eisig beschlagenes Glas vom hauseigenen Blanc de Blancs (2012), Méthode champenoise und saugut gelungen! Dazu knabbern wir am knusprig gebackenen Brik-Teig-Streifen mit Fischroggen und Lachscreme, Wasabi und Zitrus-Vinaigrette, ein schönes Amuse Geule. Zum ersten Gang wird der 2014 Sauvignon Blanc Semillon eingeschenkt und ein dicker Umschlag mit „Tasting Notes“ gereicht. Großartig! Laien, Weinenthusiasten und Kenner bekommen hier einen ausführlichen Spickzettel mit den wichtigsten Angaben zum Wein, Geruchs- und Geschmacks-Notizen und Empfehlungen für Food-Matches! Grandios. So etwas würde ich mir zuhause wünschen.

Stevan Paul in AustralienWährend der Sauvignon Blanc Semillon eingeschenkt wird, erzählt der Service von der Geschichte des Weingutes und legt begleitend die erste handgemalte Postkarte von Künstler Simon Fieldhouse auf den Tisch: Zu jedem Gang und jeder Erzählung gibt es eine dieser hübschen Kärtchen mit Motiven von den Arbeiten im Weinjahr, auf den Rückseiten der Karten werden jeweils Wein und Menügang annonciert. Auf dem Teller jetzt: perfekt glasig gebratene Jakobsmuschel mit gebratener Abalone-Muschel, Algenbutter, Sauvignon-Schaum, Algen, Queller und Portulak. Wein und Speise belegen und verknüpfen einander in Perfektion.

Stevan Paul in AustralienGleich drei Weine, drei ganz unterschiedliche Chardonnays des Weinguts begleiten den zweiten Gang und auch so etwas wünschte ich mir mehr in gastronomisch bewirtschafteten Weingütern und Restaurants. Es ist ein Riesenvergnügen, Weine ähnlicher Ausgangslagen zu vergleichen, gerade im Zusammenhang mit einem Gericht. Hier das Signature Dish von Küchenchef Nigel Harvey: Unter einer berauchten Cloche findet sich eine Scheibe feine Wachtelroulade mit frittierten Enoki-Pilzen, Pilzcreme und Chardonnay-Gelee mit Vanille. Ein wunderbarer Gang und, in Kombination mit den drei Weinen, große, lehrreiche Unterhaltung.

Stevan Paul in AustralienGirt by the Sea, vom Meer umgürtet, nennt sich der 2012 Cabernet Merlot  (aus 74 % Cabernet Sauvignon, 25 % Merlot und 19 % Shiraz) mit einem Hauch französischer Eiche und, leicht gekühlt, der perfekte „Barbeque-Wein“ (O-Ton Service und ganz richtig) für den Sommer – eingeschenkt zur konfierten, gepressten Ente, butterzartem Fleisch unter knuspriger Haut, auf Grünkohl mit Orange und den dort heimischen Munthari-Berries (auch „Muntries“). Das sind Blaubeer-große Beeren, verwandt mit den Preiselbeeren, die sehr überraschend intensiv nach Apfel schmecken. Dazu gibt es in einer separaten Glaskanne dampfenden Entenfond, den man sich mit ebenfalls bereitgestellten Gewürzen (Fenchelsaat, Anis, Wachholder, Lorbeer…) noch selbst würzen und dann über die Ente gießen soll.  Darauf verzichte ich, denn während die Gewürze ziehen, wird die Ente kalt und für mich kommt auch hier das Food-Wine-Pairing ins Wanken: Der Grit by the Sea kann sicher viel ab, aber diese Entscheidung überließe ich lieber Sommelier und Koch.

Stevan Paul in AustralienDie machen das nämlich gut hier und arbeiten auch mit den Weinmachern zusammen. Wenn viermal im Jahr ein neues, überwiegend regional geprägtes Menü erdacht und erprobt wird, sind die Weinmacher ebenso dabei wie das Team (9 Köche, zwei Lehrlinge um Chefkoch Nigel Harvey) und natürlich Sommelière Claire Tonton. Dabei entstehen eindrückliche Geschmackserlebnisse wie der wuchtig würzige 2012 Shiraz in Kombination mit einem kleinen Steak vom gereiften Rind, Selleriecreme, Trüffelcreme und regionalem Gemüse. Das Fleisch ist von David Hohnen, einem befreundeten Winzer aus der Region, der eines Tages beschloss, auch Tierzüchter und Fleischer zu werden (The Farm House, Margarete River). Gute Idee!

Stevan Paul in AustralienMit dem Cabernet Sauvignon Merlot (89% Cabernet Sauvignon, 7% Merlot, 4 % Petit Verdot) von 2010 kommt das Dessert an den Tisch und zum formidablen Rotwein aus neuer und alter französischer Eiche (19 Monate), passt rote Frucht und Schokolade. Die Patisserie hat aus der naheliegenden Idee ein Kunstwerk geschaffen. Eine hauchzarte Kuppel aus dunkler Schokolade, wir mit heißer Himbeersauce beträufelt, öffnet sich schmelzend – und hierbei wäre das verschwenderisch genutzte Wort Foodporn endlich auch mal angebracht – im Inneren offenbart sich eine feucht glänzende, weiche, süß-cremige Panna Cotta aus weißen Johannisbeeren. Grandios!

Mit gutem Kaffee endet die Voyager-Wine & Dine-Reise und der nicht ganz neuen Erkenntnis, dass man doch nirgendwo so gut Freundschaft schließt, wie bei Tisch, bei einem guten Essen und einem Glas vom besten Wein. Auf Voyager Estate hat man das verstanden und verinnerlicht.

Infos:

Zum Weingut hier klicken.  http://www.voyagerestate.com.au/

Zum Blog des Weinguts. 

Jeden Tag um 11:00 Uhr kann man sich für die Voyager Estate Tour anmelden und über die Homepage auch Arrangements mit Tour und anschließendem Menü inklusive Wein buchenhttp://www.voyagerestate.com.au/the-estate/the-wine-room/estate-tour

Offenlegung: Der Autor dankt Tourism Australia und Tourism Western Australia für die Organisation und Unterstützung der Produktion.

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Stevan Paul

Stevan Paul kann es einfach: Kochen, bloggen, Weine schlürfen und die Freude daran weitergeben. Das tut er ab sofort auch für WeinPlaces, freuen Sie sich mit uns!

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