Vertikale Pontet Canet 2004-2013

Der Weinhändler und Bordeaux-Spezialist Michael Grimm lud jüngst zu einem Event der Extraklasse: 10 Jahrgänge Château Pontet-Canet aus Pauillac standen zur Verkostung. Kaum ein anderes Château hat in den letzten 20 Jahren derart von sich reden gemacht. 1855 ursprünglich als 5éme Grand Cru Classé klassifiziert, ist seine derzeitige Qualität sowie seine Popularität durchaus gleichzusetzen mit der eines 2éme Cru Classé. Die Bewertungen gehören mit zum Besten, was Pauillac zu bieten hat - entsprechend hoch ist die Nachfrage, was kaum verwunderlich ist, denn man bekommt auf Pontet-Canet allererste Qualität zu vergleichsweise moderaten Preisen. Doch wie kommt diese Qualitätssteigerung zustande?



Der konsequente Weg zum biodynamischen Anbau
Pontet-Canet ist das erste Château der Grand Cru Classés, das konsequent auf biologischen und biodynamischen Anbau setzt. Der ehemalige Cognac-Händler Guy Tesseron kauft 1975 das Weingut, das am nördlichen Rand der Appellation direkt neben Mouton-Rothschild liegt. 1989 engagiert er den Önologen Jean Michel Comme, der seitdem konsequent den Weg der biologischen Bewirtschaftung eingeschlagen hat. Im Jahre 2000 war das 81 Hektar große Château bereits mit Teilflächen zertifiziert, hatte im Jahre 2007 auf Grund massiven Befalls mit dem falschen Mehltau aber einen Rückschlag, da biologisch nicht zertifizierte Mittel angewandt wurden. Seit 2010 ist Pontet-Canet wieder voll biologisch nach Ecocert und seit 2014 nach Demeter und Biodyvin biodynamisch zertifiziert. Ziel der biodynamischen Bewirtschaftung sind gesunde Böden und ein intaktes Biosystem in den Weingärten um die Kräfte der Pflanze zu stärken.

 

Es stellt sich folglich die Frage, inwieweit die biologische Bewirtschaftung im Zusammenhang mit der außerordentlichen Qualitätssteigerung der Weine und ihrer hohen Bewertung der letzten Jahre steht. Mélanie Tesseron ist daher persönlich zur Verkostung angereist um die Jahrgänge und die Entwicklung in der Weinbereitung zu kommentieren.

Pontet Canet: Die Verkostung der Jahrgänge 2004-2013
Die Verkostung war aufschlussreich in vielerlei Hinsicht. Die Jahrgänge 2004-2006 wiesen gemeinsame Charakteristika und ein eher traditionelles Pauillac-Geschmacksbild auf, dass die Jahrgänge sehr gut spiegelte. 2004 der traditionelle Typ, 2005 dem Hitzejahr geschuldet üppig und gehaltvoll, der 2006er wiederum klassisch mit saftiger Frucht. Der Ausbau mit reichhaltigem Neuholzeinsatz war ein entscheidender Unterschied zur nächsten Gruppe: In den Jahren 2007-2009 ist eine deutlich Veränderung der Frucht und der Konzentration der Weine zu merken. Weniger klassischer Holzeinsatz bei gleichzeitig reifer Frucht geben den Weinen eine neue Tiefe. Man setzte zunehmend auf Lagerung im Beton und reduzierte den Neuholzanteil auf 35% um der Frucht und dem Terroir mehr Raum zu geben. Insbesondere die Frucht bäumt sich in diesen Jahren besonders auf, auch wenn im kühlen 2008 die Säure etwas dagegen steuerte. In diesem Jahr wurden erstmals Pferde zur Bewirtschaftung eingesetzt um der Verdichtung der Böden durch Traktoren zu begegnen. Im 2009er, dem erste 100 Punkte Weine dieser Probe kumulierte die charmante Frucht mit den perfekten Gerbstoffen und feinen Säure zu einem Wein für die nächsten 40 Jahre. Man verzichtet auf Rebschnitt um die Pflanzen nicht zur Wüchsigkeit zu animieren sondern ihre Fruchtausbildung zu unterstützen. Die letzte Gruppe, die Jahrgänge 2010-2012 zeigen weiterführend, dass die Weine an zusätzlicher Komplexität, an feineren Gerbstoffen und einem transparenteren Fruchtbild gewonnen haben. Der 2010er ist der zweite 100 Punkte Wein der Verkostung mit noblerem Gerbstoff im Vergleich zum Vorjahr. Es werden mittlerweile 24 von 81 Hektar mit Pferden bewirtschaftet. Allein der 2013er Wein stellte sich hinten an, da sich in ihm ein unterdurchschnittlicher Jahrgang spiegelte. Zwar besitzt er auch die saftige Frucht, doch es mangelt an Struktur und Tiefe, wenn man ihn mit den vorangehenden Weinen vergleicht. Für sich allein genossen bietet er einen hervorragenden Einstieg in die Welt Pauillacs und der Weine von Château Pontet-Canet. Mittlerweile sind alle Traktoren abgeschafft, dafür stehen 20 Pferde im Stall.

 

Die Entwicklung der Weine
Die Entwicklung der Weine parallel betrachtet zur veränderten Bewirtschaftung war durch die Verkostung klar nachvollziehbar. Durchschnittliche Alkoholwerte von 13-13,5% sind ein weiterer positiver Aspekt der biodynamischen Bewirtschaftung. Auf dem Etikett liest man davon allerdings nichts, denn es geht nach Auffassung der Familie Tesseron ausschließlich darum, die bestmöglichen Ergebnisse zu erlangen. Die Biodynamie ist nur das Mittel zum Zweck, denn ein guter Wein, so Mélanie Tesseron, entsteht im Weinberg. Und es kann kein guter Wein von schlechten Böden kommen.

Parker-Bewertungen der verkosteten Jahrgänge:

2004-92/100
2005-97/100
2006-94/100
2007-90/100
2008-96/100
2009-100/100
2010-100/100
2011-93/100
2012-93/100
2013-90-92/100

Sebastian Bordthäuser

Sebastian Bordthäuser

sebastian.bordthaeuser

Der studierte Germanist betrat die Sommelierszene als Quereinsteiger. 2012 kürte Falstaff ihn zum Sommelier des Jahres. Er schreibt für Effilee, die Welt am Sonntag, Feinschmecker, BEEF und Vinum.

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