Vorhang auf! Premiere der VDP.Grossen Gewächse 2015

Vom 28. bis 30. August 2016 präsentierte der Verband der Prädikatsweingüter in Wiesbaden seine trockenen, weißen Grands Crus und die roten Spitzengewächse des Jahrgangs 2014. Die Verkoster: Eine illustre Schar nationaler und internationaler Journalisten, Blogger, Weinhändler und Sommeliers. Für WeinPlaces waren die Sommeliere und Buchautorin Christina Fischer und Sommelier Sebastian Bordthäuser vor Ort. Das Ergebnis: Viele Grosse Gewächse. Allerdings: Nicht alle Crus strahlten ganz so hell wie vorher prognostiziert. Noch schwieriger gestaltete sich die Bewertung der überwiegend aus dem Jahrgang 2014 stammenden Rotweine.

 

Alljährlich lädt der VDP internationale Weinjournalisten, Händler, Einkäufer und Sommeliers zu diesem exklusiven Preview der Spitzenweine des VDP (Verband der Prädikatsweingüter). In Wiesbaden werden die ersten Kommentare und Wein-Bewertungen mittlerweile sogar „live“ während der Degustation im Internet veröffentlicht. Es erfordert hohe Konzentration und auch entsprechendes Talent, seine Notizen so schnell und unmittelbar abzusetzen. Wie diese feuilletonistisch schreibenden Verkoster ihre ad hoc Ergebnisse in Kontext zum Jahrgang und den anderen Gebieten setzen, bleibt für den geneigten Leser oft ein wenig schleierhaft. Klar ist auch, dass es keine einhellige Meinung hinsichtlich der Qualität der Weine gibt. Warum das so ist? Jeder Verkoster urteilt nach bestem Wissen und Gewissen. Letztendlich wird eine subjektive Wahrnehmung möglichst objektiv bewertet. 

Für die Klassifikation und die Grossen Gewächse gibt es klar definierte Kriterien. Das erklärt der VDP so:

[…] Hier können Sie den langen Weg zur neuen, herkunftsbezogenen VDP. KLASSIFIKATION nachverfolgen […] Die VDP.Prädikatsweingüter haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Profilierung Großer Weine aus Spitzenlagen zu garantieren. Die VDP.GROSSE LAGEN sind die Filetstücke. Es sind eng eingegrenzte Weinbergslagen und Parzellen, in denen optimale Wachstumsbedingungen herrschen und die nachweislich über einen langen Zeitraum nur die hochwertigsten Weine hervorgebracht haben. […]

Es geht also um Herkunft. Wo und in welchem Umfeld wachsen die Trauben? Wie zeigt der Wein nachvollziehbar seine Herkunft? Dieser Umstand wird als sogenanntes „Terroir“ bezeichnet. Damit sind Rebsorte, Boden, Gestein, Ausrichtung, Klima aber auch die langjährige Erfahrung des jeweiligen Winzers gemeint. Alles Parameter, die man messen kann. Die einzig wissenschaftlich nur bedingt erfassbare Komponente, die aber entscheidend auf den späteren Wein einwirkt, ist der Mensch. Diese Weine werden nicht nur an Oechslegraden gemessen, die dem Reifeniveau von Spätlesen zu entsprechen haben, sie sollten vielmehr eine klare Wiedererkennbarkeit ihres Terroirs widerspiegeln, welche von dem jeweiligen Boden und dem Umfeld geprägt sind.

Da dem Jahrgang 2015 ein donnerhallender Ruf vorausging, war die Erwartungshaltung entsprechend groß. Aber leider war bei der Verkostung in Wiesbaden nicht alles Gold was glänzte: In manchen Gebieten hatten es die Winzer  extrem schwer, da sie während der Vegetationsperiode mit großer Trockenheit kämpfen mussten. Mancherorts regnete es dann im September, was mitunter zu Botrytis und auch Fäulnis führte. In einigen Anbauregionen waren die Winzer deshalb gezwungen entsprechend früh zu lesen, ohne dass die Trauben bereits ihre Vollreife erreicht hatten. Im  Vorteil waren diejenigen Winzer, die sorgfältig arbeiteten und deren Rebstöcke auf tiefgründigen Böden stehen oder über ein entsprechendes Alter verfügen. 

Darüber hinaus drängt sich der Eindruck auf, dass es inzwischen zu einer gewissen Inflation an Grossen Gewächsen gekommen ist. Im VDP wurden in diesem Jahr 536 Große Gewächse registriert, wovon man 450 anlässlich der Vorpremiere verkosten konnte. Vielleicht wäre es in manchen Betrieben eine Überlegung wert, weniger aber dafür präzisere Grosse Gewächse vorzustellen. Wer Spitzenweine erzeugt, muss sich daran messen lassen! Laut Statistik erzielen die trockenen VDP-Grossen Gewächse derzeit einen Durchschnittspreis von 33 Euro.

Anbaugebiete

Pfalz: 107 

Baden: 93 

Rheingau/Hessische Bergstraße: 58 

Mosel-Saar-Ruwer: 52 

Franken: 55 

Württemberg: 59 

Rheinhessen: 51 

Nahe: 25 

Ahr: 22 

Sachsen / SaaleUnstrut: 8 

Mittelrhein: 6

Summe: 536 Grosse Gewächse

Rebsorten

Riesling: 297

Spätburgunder: 111

Weißburgunder: 44

Silvaner: 26

Grauburgunder: 26

Lemberger: 18

Chardonnay: 9

Frühburgunder: 4

Traminer: 1

Summe: 536 Grosse Gewächse

Quelle Statistik: vdp.de

 

Ahr

Mit zehn Spätburgundern und einem Frühburgunder des Jahrgangs 2014 zeigten die VDP-Winzer von der Ahr gerade mal die Hälfte ihrer Spitzengewächse. Kein Wunder, denn in diesem Jahr war eine besonders schnelle und selektive Lese vonnöten. Aufgrund der teilweise recht hohen Niederschläge vor und während der Lese war Eile geboten, da vielerorts Fäulnis zu befürchten war. Keine einfachen Bedingungen für das kleinste und nördlichste Rotweingebiet Deutschlands. In Wiesbaden präsentierten Adeneuer, Deutzerhof, Meyer-Näkel und Stodden ihre Weine, während Nelles und Kreuzberg fehlten. Während sich Stoddens „Sonnenberg“ eine Spur üppig mit Kirscharomen und pfeffrigen Noten am Gaumen offenbart, zeigt der Wein aus der gleichen Lage von Meyer-Näkel Kirscharomen und eine recht kantige Säure. Der Spätburgunder aus Näkels „Pfarrwingert“ überzeugt mit lebhaften Sauerkirscharomen und prägnanter Struktur, scheint jedoch im Holzeinsatz etwas überpointiert. Alles in allem: Kein einfaches Jahr für die erfolgsverwöhnten Ahr-Winzer.

Mittelrhein

Der Jahrgang 2015 hat dem Mittelrhein in die Karten gespielt – sofern es sich um ältere Riesling-Anlagen mit tiefwurzelnden Rebstöcken handelte. Fünf der sechs produzierten Grossen Gewächse wurden in Wiesbaden vorgestellt. Während sich Cecilia Josts GG Bacheracher „Im Hahn“ eine Spur zu sanft darstellt, brilliert Mathias Müllers Bopparder Hamm „Engelstein“ mit gewohnt ausdrucksvoller Fruchtaromatik und entsprechender Saftigkeit. Der Bacheracher Riesling „St. Jost“ von Ratzenberger präsentiert sich als vielschichtiger, eher schlanker Rieslingtyp, mit dem Wein aus der Lage „Wolfshöhle“ setzt Jochen Ratzenberger noch eins drauf. Ein ausgewogenes, balanciertes Grosses Gewächs mit lebhafter Säure, präzisen, klaren Aromen, Komplexität und Potential. Dieser elegante Riesling spielt eindeutig in der oberen Liga.

Nahe

Neben Rheinhessen gehört die Nahe zu den Gewinnern des Jahrgangs 2015. Bis auf ein Grosses Gewächs präsentierten die Nahewinzer ihre trockenen Spitzenweine komplett in Wiesbaden. Es fehlte der Riesling aus dem „Hermannsberg“, jener Top-Lage, nach der Gut Hermannsberg benannt wurde. Man hat deutlich am Stil der Weine gearbeitet, die sich weitaus weniger phenolisch präsentieren als in den Vorjahren. Das gilt sowohl für den erstmals vorgestellten „Rothenberg“ als auch für den „Steinberg“. Die Spitzenrieslinge des Weinguts Kruger-Rumpf zeigen durchweg lebhaften Charakter und sind recht säuregeprägt. Zudem irritiert die neue Lagenbezeichnung „Im Pitterberg“. Zum Verständnis: Die ehemals Grosse Lage „Pittersberg“ wurde auf Initiative des Weingutes Kruger-Rumpf zur VDP.Ersten Lage abgestuft, während  ein kleiner Teil im Herzen dieser Spitzenlage als VDP.Grosse Lage mit der neuen Gewannenbezeichnung „Im Pitterberg“ betitelt wurde. Zur Ehrenrettung der Rumpfs sei an dieser Stelle erwähnt, dass es auch andere VDP-Winzer gibt, die durch das Herausfilettieren von Parzellen aus altbekannten Lagen für Verwirrung sorgen, etwa im Würzburger Stein, im Rauenthaler Baiken und im Ihringer Winklerberg.  

Jüngster Zugang des VDP Nahe, Sebastian Schäfer, präsentiert gradlinige, fruchtbetonte und tadellos erzeugte Rieslinge, während Caroline Diel mit einem fabelhaften Trio aus Goldloch, Pittermännchen und Burgberg kompromisslos auf Zug und Qualität setzt. Wie im letzten Jahr brilliert das „Pittermännchen mit kräuriger Eigenwilligkeit und entsprechender Charakterstärke. Zum jetzigen Zeitpunkt zeigt sich das „Goldloch“ als glänzender Abräumer, während der schlafende Riese „Burgberg“ entsprechende Reifezeit benötigt, um seine wahre Größe zu zeigen. Das prägnante „Dellchen“ weist den Weg in die Dönnhoff’sche Liga, die von der „Herrmannshöhle“ angeführt wird. Ein großer trockener Riesling klassischen Stils, nach Steinobst duftend, erfrischend prägnant, saftig und mit etwas Fruchtsüße ausgestattet. Das mag den einen oder anderen Verkoster irritieren, weil derzeit eher ein eher trockener Stil angesagt ist. Bei all den Diskussionen sollte man jedoch nicht vergessen, dass Dönnhoffs „Hermannshöhle“ nicht mehr beweisen muss, dass sie ein hervorragendes Alterungspotential besitzt. Frank Schönleber, der neue Vorsitzende der VDP-Nahe, zeigt mit seinem „Halenberg“ erneut, dass dieses Cru ganz klar zur Spitze der Nahe gehört. Tim Fröhlich ließ sich von all dem wenig beeindrucken und liefert wie gewohnt leicht müffelnde aber dennoch brillante, finessenreiche Crus wie „Felsenberg“ und „Felseneck“ aber auch sein „Halenberg“ schiebt sich prägnant und saftig in die vorderen Ränge.

Rheinhessen

Das Gebiet, welches bei der dreistufigen Klassifikation geblieben ist, zeigt keinen Stillstand. Am Roten Hang entwickelt sich eine Qualitätsoffensive, die der altehrwürdigen Spitzenlage extrem gut tut. Debütant Kai Schätzel aus Nierstein brilliert mit seinem charaktervollen, leicht kantigen „Hipping“ und befindet sich dabei in bester Gesellschaft von Johannes Hasselbach aus Nackenheim. Beide legen die Basis für ihre Spitzengewächse durch eine intensive Weinbergsarbeit, um den zukünftigen Weinen anschließend einen größtmöglichen Freiraum zur Entwicklung ihres Potentials zu geben. Der „Pettenthal“ brilliert mit sanfter Rauchigkeit, anregenden Pfirsicharomen und mineralischer Würze, während der komplexe „Rothenberg“ noch eins draufsetzt und sich ganz klar in die erste Riesling-Liga schiebt. Überhaupt befinden sich die Spitzenweine des „Rothenbergs“ auf der Überholspur, auch Caroline Kühling-Gillot schließt mit ihrer wurzelechten Variante in den Riesling-Himmel auf. Daniel Wagner zeigt wie gewohnt seine zwei glasklar erkennbaren Crus, den etwas wärmeren, saftig-tiefgründigen „Höllberg“ und den prägnanten, mineralisch-würzigen „Heerkretz“ vom Phorphyr-Boden. Mit dem auf Kalk gewachsenen charaktervollen „Zellerweg am Schwarzen Herrgott“ zeigt Oliver Battenfeld-Spanier seit Jahren beste Ergebnisse, das gilt auch für seinen 2015er, ein kraftvoller packender Riesling mit Reifepotential, der unbedingt Sauerstoff benötigt. Die Spitzenrieslinge von Stefan Winter zeigen sich derzeit noch etwas verschlossen, sie sind extrem strukturiert und voller Potential, während Fritz Groebe seinem Stil treu bleibt, seine Rieslinge sind eher elegant, saftig und mit zarter Fruchtsüße gepaart. Das entspricht zwar nicht dem neuen Mainstream, jedoch zeigen Verkostungen älterer Jahrgänge, dass diese Rieslinge für die Zukunft gemacht sind und einfach entsprechende Reifezeit benötigen. Derweil wartet Klaus-Peter Keller lediglich mit einem seiner Grossen Gewächse auf. Der vielschichtige, extrem tiefgründige „Hubacker“ zeigt enormes Potential und schiebt die Messlatte gleich um einige Punkte nach oben. Eine Liga, in der die Luft schon dünn wird. Hier können neben den zwei „Rothenbergen“ aus Nackenheim lediglich das Wittmann’sche „Brunnenhäuschen“ aber vor allem auch der „Morstein“ problemlos mithalten. Philipp Wittmann hat es geschafft, seinem prägnanten Riesling Lagen-Quartett eine wiedererkennbare Typizität zu verleihen, die sich in einer klaren, komplexer Struktur und anregender Lebhaftigkeit ausdrückt.

Franken

Mindestens drei Alleinstellungsmerkmale zeichnen dieses Anbaugebiet aus: Silvaner, trocken und Bocksbeutel. Diesen Tatbestand erfüllten die Grossen Gewächse der Rebsorte Silvaner des Jahrgangs 2015 dann auch postwendend – auch wenn die Flaschenform noch nicht allgemeingültig geklärt ist. Großartig: Die Silvaner zeigen ein durchgängig sehr hohes Niveau. Das große Bürgerspital hat mit seinem „Stein“ und erst recht mit der „Stein-Harfe“ erneut einen großen Sprung nach vorne gemacht, während das Juliusspital in dieser Disziplin eher mit seinem „Julius-Echter-Berg“ anstelle des „Steins“ brilliert. Besonders erfreulich: der „Stein“ von Sandra und Ludwig Knoll hat enorm an Qualität zugelegt. Währenddessen nimmt der Homburger „Kallmuth“ ebenfalls sanfte Fahrt auf. Der Escherndorfer Rainer Sauer hat mit seinem Silvaner „Am Lumpen 1655“ einen  minimalen Vorsprung vor dem gleichnamigen Silvaner von Sandra und Horst Sauer. Die Silvaner-Champions League wird allerdings ganz klar von dem noch jugendlichen und holzgeprägten „Maustal“ des Zehnthof Luckerts angeführt aber noch getoppt von Paul Weltners glasklarem, äußerst vielschichtigen „Küchenmeister Hoheleite". Die beiden letztgenannten Winzer führen im Übrigen gemeinsam mit Robert Hallers Bürgerspital Riesling-Monument „Stein-Hagemann" das Feld der Grossen Gewächse der Rebsorte Riesling an. Die fränkischen Burgunder in weiß und in rot könnten bis auf die Spätburgunder von Paul und Sebastian Fürst nicht so richtig punkten. Ein fester, puristischer, glasklaren „Schlossberg“, gefolgt von einem klassischen „Centgrafenberg“ und einem verschlossenen aber äußerst komplexen „Hundsrück“. Großes Kompliment an Paul und Sebastian: Erstens stellten sie im Gegensatz zu den besten Rotweinwinzern den aktuellen Jahrgang 2014 vor und zweitens waren es in diesem schwierigen Jahrgang besten Rotweine, die es in Wiesbaden zu probieren gab.

 

Baden

Nachdem es einige Jahre gedauert hatte, bis das „Grosse Gewächs“ im Südwesten Deutschlands Fahrt aufnahm, scheint es sich jetzt doch mit Macht durchgesetzt zu haben, immerhin stellt Baden mit 93 Crus die zweite Position nach der Pfalz und wartet alleine im Winklerberg mit zehn neuen Gewann-Namen auf. Allerdings wurden in Wiesbaden mit 50 Grossen Gewächsen lediglich gut die Hälfte präsentiert. Beim Chardonnay ragt Hubers 2014er „Schlossberg“ deutlich heraus. Auch wenn hier ein Jahr zusätzliche Reife im Spiel ist, haben die anderen Grossen Gewächse der Rebsorte Chardonnay nur minimale Chancen und sind noch nicht wirklich GG-kompatibel. Gleiches gilt für die badischen Rieslinge, die national keine Chance gegen die übermächtige Konkurrenz haben. Bedenklich: Insgesamt spreizen sich die Qualitäten der Badener Crus so extrem, dass manches Mal die Zugehörigkeit der GG-Kategorie in Frage gestellt werden muss. Das Feld der Weißburgunder führt Konrad Salwey mit seinem tiefgründigen, im Holz ausgebauten „Henkenberg“ an. Joachim Heger sorgt mit seinen holzgeprägten, noch verschlossenen „Winklerberg Winklen Rappenecker“ erstmal für gedankliche und dann für sprachliche Lagennamen-Verwirrung, während der im Taubertal beheimatete „Obere First“ von Monika und Konrad Schlör süffig-cremig mit anmutiger Lebhaftigkeit ins Glas fließt. Beim Grauburgunder hat eindeutig Joachim Heger mit seinem Achkarrer „Schlossberg“ die Nase vorne, denn der ebenfalls gut bewertete „Eichberg“ von Salwey besitzt ein Jahr mehr Reife und stammt aus dem Jahr 2014. Insgesamt weisen die badischen Grauburgunder des Jahrgangs 2015 bessere Bewertungen als die Weißburgunder auf. In der Königsklasse der Spätburgunder ist es wiedermal das Grosse Gewächs von Monika und Konrad Schlör, der ein lebhaftes und köstlich balanciertes Entrée in die Riege der badischen Spätburgunder gibt. Julian Huber brilliert mit der Lage „Bienberg“ und noch ein bisschen mehr mit der „Sommerhalde“, während Konrad Salwey mit seinem „Henkenberg“ gleichzieht. Joachim Heger punktet erneut mit seiner Achkarrer Top-Lage „Schlossberg“, während sich der Spätburgunder des „Vorderen Winklerbergs“ derzeit noch recht verschlossen, sauerkirschig  und eine Spur zu  holzgeprägt präsentiert.

Rheingau

Der Rheingau zeigte sich in diesem Jahr wie viele Jahre zuvor sehr heterogen, was nicht allein an seinen unterschiedlichen Terroirs liegt. Dank des warmen Jahres zeigte er sich generell üppiger als die Vorjahre und brachte besonders am Rüdesheimer Berg ein paar echte Brummer hervor. Doch auch harsche und grün wirkende Weine waren eingestellt, die aus Angst vor der Fliege zu früh gelesen wurden.Den Überflieger des Rheingaus, Peter Jakob Kühns Sankt Nikolaus müssen wir direkt aus der Wertung nehmen, denn er stammt aus 2014. Überhaupt stellen mehr und mehr Winzer ihre Weine nicht mehr zu diesem Zeitpunkt oder eben aus dem Vorjahr an, was den Weinen von Kühn auf jeden Fall Gerechtigkeit zuteil werden lässt. Viel diskutiert und über den grünen Klee gelobt war der Kiedricher Gräfenberg von Robert Weil, überschwänglich als vielleicht der beste Gräfenberg seit langem gefeiert. In jedem Falle war er klar, von großer Strahlkraft und Tiefe. Schön zu sehen war ebenfalls, wie Urban Kaufmanns Weingut Hans Lang und sein Wisselbrunnen immer mehr an Fahrt aufnimmt.Halten konnte auch von Oetinger, der seit seinem Sensations-Erfolg der 13er Kollektion weiterhin Oberwasser hat und auch dieses Jahr eine gute Kollektion anstellte.Die Weine vom Rüdesheimer Berg zeigten sich bei Leitz mit dienlicher Fruchtsüße und fester Struktur und bildeten den Berg sehr gut ab, Kesselers Roseneck und Schlossberg zeigten sich in barocker Rheingau Tradition. Mit Siegelsberg und Hohenrain ist Jakob Jung ein großer Wurf gelungen und katapultiert ihn ebenfalls an der Spitze der 2015er Rheingauer Weine.

Pfalz

Die Pfalz war ein in sich recht konsistentes, aber nichtsdestotrotz schwierig zu probierendes Gebiet. Das lag zum Teil an einer gewissen Uniformität, die einen großen Teil der Weine strukturell recht ähnlich werden liess. Die 2015 hatten nichts von charmant-jovialer Fruchtigkeit, sondern generell waren die Weine sehr auf ihre Struktur angelegt die sich fest, mineralisch und sehnig zeigte. Keinerlei Fruchtspeck saß da auf den Hüften, statt dessen waren die Weine um die Säure und ihre Mineralik hin ausgebaut. Die Nordpfalz startete mit dem hippen Zellertal, Kuhns Schwarzem Herrgott, der direkt die Latte für Salz und Säure hoch legte. Druckvoll mit guter Mineralik und feinem Bitterton zeigt sich Kuhns Kollektion, Knipser stand ihm Punktemäßig nicht nach. Den Vogel abgeschossen haben die Rings Brüder mit ihrem Saumagen, der an Dichte, Konzentration und Kawumm alles hinten an stellte. Barocke Pfalz mit Bass für jetzt und die ferne Zukunft.Kniffeliger wurde es an der Mittelhardt. Um es den Trollen vorwegzunehmen: Es waren große Weine, wirkliche Grand Crus.Dennoch zeigten sich viele der Weine trotz ihrer Größe in gewisser Weise uniform, da die Stilistik teils die Herkunft überdeckte und so eine Distinktion nach Lage teils schwierig gestaltete, was jedoch der Grundgedanke des GGs ist. Auch eine Aufsplitterung von großen Lagen, in diesem Falle des Reiterpfads, in unterschiedliche Einzellagen scheint nicht wirklich sinnvoll, zumal dies für keinen Verbraucher mehr auseinanderzuhalten ist, geschweige denn geschmacklich zu unterscheiden.Groß war die Kollektion von Buhl, in der besonders das Ungeheuer und der vergleichsweise jovial-fruchtige Pechstein heraus stachen. Bassermann-Jordan lieferte ein beeindruckendes Kirchenstück und Acham Magin verdient seit einigen Jahren unbedingt mehr Aufmerksamkeit – die Kollektion zeigt sich durchweg auf einen hohen Niveau mit der Spitze ebenfalls im Kirchenstück. Kritisch ist der momentane Trend des Holzeinsatzes beim Riesling zu beobachten. Was von Stephan Attmann mit großem Geschick und initialem Aufschrei der Traditionalisten noch vor ein paar Jahren für Furore sorgte hat sich derweil zum Trend entwickelt, allerdings nicht immer zu Gunsten der Weine, was besonders bei Mosbachers Pechstein zu beobachten war. In der Südpfalz wurde es wieder etwas feiner und transparenter: Rebholzens Ganzhorn war der zugängliche Einstieg, gefolgt von Im Sonnenschein und letztlich dem Kastanienbusch, der sich gewohnt schweigsam zeigte und eh für ein paar Jahre in den Keller muss. Leise war auch der Kalmit Riesling von Boris Kranz. Man muss genau hinhören nach der geballten Mittelhardt-Attacke, dann zeigt sich jedoch ein klarer, transparent saftiger Riesling mit feinem Schliff.
Eine weitere Entwicklung, die man im Auge behalten sollte ist, dass dem Weissburgunder offenbar mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, was sich besonders bei den GGs zeigt. Ob schlank und aufgeräumt wie bei Kuhn, opulenter bei Minges oder kristalliner Vollendung bei Kranz - Weissburgunder werden immer individueller, präziser und treten so Schritt für Schritt aus dem großen, kühlen Schatten des Rieslings.

Saale Unstrut und Sachsen

Die beiden Gebiete underperformten auf der diesjährigen Präsentation: Insgesamt mit nur sieben Positionen für vier Rebsorten an den Start gegangen wurden zwei Positionen zurückgezogen, darunter der Lacher der Veranstaltung, das Gewürztraminer Große Gewächs aus Sachsen. Gab es nicht.
Auch ein Weißer Burgunder wurde zurückgezogen, so blieben nur fünf Weine, zwei Rieslinge, zwei Weißburgunder und ein Grauburgunder die allesamt sauber und klar waren, aber nicht in der ersten Liga boxen. Klingt gemein, ist aber so.

Hessische Bergstrasse

Die Hessische Bergstrasse lieferte mit sage und schreibe einem eingestellten Wein einen soliden Grauburgunder von den Hessischen Staatsweingütern Kloster Eberbach. Solide, mehr aber auch nicht. Die Frage wie groß Grauburgunder sein kann stellt sich derweil an anderer Stelle.

Württemberg

Württemberg probieren ist seit ein paar Jahren eine zunehmende Freude, weiß wie auch rot. Die Weine des Grafen Neipperg waren eine reine Freude, wobei sich die Ruthe etwas fruchtbetonter und zugänglicher gab als der Schlossberg. Adelmanns Süßmund war ebenfalls eine Bank. Lieder hat sich Jochen Beurer entschieden dieses Jahr nicht ein zu stellen, man darf hoffen ihn nächstes Jahr mit der 2015 Kollektion zu probieren. Beeindruckend ist die Kollektion von Aldingers, deren Gips Riesling zu den besten GGs aus Württemberg zu zählen ist. Auch ihr Weissburgunder setzt für die Rebsorte und deren Vinifikation neue Maßstäbe: Intelligent eingesetztes Holz sorgt für Griff und Struktur am Gaumen und enthebt ihn der allerwelts-Weißburgunder Aromatik.
Der Stettener Pulvermächer Riesling von Hailde ist ein GG, dass blind wahrscheinlich niemand nach Württemberg stecken würde: mit kühler Mineralik und sehniger Statur ist er schlank mit leicht herbem bis salzigem Finish - ein Wein, an dem man sich durstig zechen kann.
Dautel und Ellwanger haben in gewohnter Qualität geliefert.
Die Roten aus Württemberg sind ebenfalls ein Klasse für sich, markieren sie seit Jahren die Spitze, was an Rotwein produziert wird, sowohl den Lokalmatatdor Lemberger als auch den Spätburgunder.
Graf Neipperg liefert mit seinem Spätburgunder Schlossberg einen klaren, fruchtbetonten und fein strukturierten Spätburgunder, die Lemberger von der Ruthe und Schlossberg zeigen glasklare Lagentransparenz.
Rainer Schnaitmann liefert vom Lämmler sowohl Spätburgunder als auch Lemberger, wobei beim Spätburgunder ein kleiner Stilwechsel erkennbar scheint.
Mit seinem Mönchberg Gehrnhalde liefert das Weingut Haidle einen Lemberger der Oberklasse ab, momentan noch fest umgarnt vom jugendlichen Holz ist er Extraktreich mit wahnsinniger innerer Spannung und Aussicht auf ein langes Leben.
Auch bei den Rotweinen beweist das Weingut Aldinger, dass sie unangefochten zur Spitze Württembergs zu zählen sind, sowohl der Spätburgunder vom Untertürckheimer Gips als auch der Lemberger vom Fellbacher Lämmler sind ausgewogen, balanciert und von großer innerer Ruhe.

Mosel

Große Gewächse sind die Speerspitze des trockenen deutschen Weinbaus, und auch die Mosel mischt immer mehr mit. Obwohl der Beginn der GGs an der Mosel zunächst etwas verschlafen wurde hat sich das Blatt mittlerweile gewendet. Waren es vor über 10 Jahren ein paar wenige Pioniere die den trockenen Weinbau propagierten sind dieses Jahr 49 GGs an den Start gegangen, mit teils sehr heterogenen Ergebnissen. Was das Bild zusätzlich verzerrt ist der diffuse Einsatz des Zuckers, der bei den Großen Weinen der Mosel generell etwas höher ausfällt und somit den Wunsch nach großem trockenen Wein verwässert.
Eindeutige Champions waren dieses Jahr u.a. Clemens Busch, dessen Kollektion in ihrer Geschlossenheit und Feinheit herausragend war. Vorbei scheint die Zeit der boliden Schwergwichtler: die Lagen sind klar und präzise herausgearbeitet wobei insbesondere der Rothenpfad fast zu platzen scheint, so satt sind seine Anlagen für ein langes, vielversprechendes Leben.
Schnell sein heisst es auch bei Thomas Haag von Schloss Lieser, der mit der Wehlener Sonnenuhr, Niederberger Helden und Graacher Himmelreich Weine von kristaliner Brillanz ins Rennen geschickt hat. Wie immer dürften sie mangels Menge bereits vergriffen sein.
Fraglich bleibt allerdings, warum aus Paradelagen für restsüße Rieslinge nun auf Teufel komm raus trockene GGs gezimmert werden müssen. Das dies nicht immer zum Vorteil ist zeigten u.a. die Weine von Loosen, deren Status als GG dieses Jahr eindeutig zu überdenken ist.
Mit flirrender Eleganz legten die Winzer von der Saar dieses Jahr gute Kollektionen hin, allen voran Peter Lauer aus Ayl, dessen Kupp und Schonfels Benchmarks für die Saar setzten. Ebenfalls herausragend waren Bockstein und Altenberg von Othegraven während Zilliken wie gewohnt und somit fast schon klassisch performte, wobei man den Weinen immer ein wenig mehr gehör schenken sollte, da sie nach massiver Mosel-Attacke oft fälschlicherweise blass erscheinen mögen. 

Doch war das alles jetzt Weltklasse? Diese Frage muss gestattet sein, schließlich ist der Riesling Deutschlands Parade-Rebsorte. Die Antwort ist wie immer nicht zufriedenstellend: Eigentlich nein, aber …

Viele der eingestellten Weine halten nicht das Niveau, das man von einem GG erwartet. Für ein GG ist ein Mindeststandard voraus zu setzen, sonst macht das Spiel keinen Sinn. Dieser Standard würde in vielen Fällen erfüllt, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es gab viel Gutes, aber wenig Großes, wenig, das den Titel Großes Gewächs zur Ehre gereicht. Es waren ohne zu selektieren vielleicht 20 Weine, die wirklich groß waren. Der Jubel über den Jahrgang hat sich folglich wieder einmal relativiert, zum einen darin, dass er eben doch regional für unterschiedliche Gegebenheiten sorgte als auch der Erkenntnis, dass Top Winzer eben guten Wein machen.

Wer noch weitere Meinungen und Verkostungsergebnisse dieser spannenden Vorpremiere lesen möchte, kann sich unter hier einen umfassenden Überblick verschaffen. 

Christina Fischer

Christina Fischer

Christina Fischer

Die Sommeliere und Buchautorin Christina Fischer lebt und arbeitet in Köln. Ihre vielseitigen Aktivitäten bündelt sie in ihrer Kölner GENUSS Werkstatt.

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Sebastian Bordthäuser

Sebastian Bordthäuser

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Der studierte Germanist betrat die Sommelierszene als Quereinsteiger. 2012 kürte Falstaff ihn zum Sommelier des Jahres. Er schreibt für Effilee, die Welt am Sonntag, Feinschmecker, BEEF und Vinum.

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