Wein trifft Speisen beim Vinocamp 2014

Es ist Freitag Nachmittag, ich habe mich früh morgens in Hamburg in den Zug gesetzt und später in Köln einen Freund getroffen, um gemeinsam ins Rheingau zu fahren. Das Vinocamp 2014 steht an. Das Vinocamp ist ein Barcamp. Es ist eine offene Konferenz, und zwar eine, bei der die Teilnehmer große Teile des Inhalts selbst vor Ort festlegen. Bei diesem Barcamp dreht sich alles um Wein, und diesmal vor allem um Wein und Speisen.


Neben aller möglicher Spontaneität gibt es beim Vinocamp natürlich eine Reihe festgelegter Programmpunkte und einer davon war die Möglichkeit, am Vortag des Camps das Kiedricher VdP-Weingut Robert Weil zu besuchen. Und diese Möglichkeit wollten wir wahrnehmen. Das Weingut ist eine Institution. Es ist unter den deutschen Weingütern das aristokratischste. Damit meine ich nicht, dass es bei Robert Weil besonders viel Pomp geben würde. Nein, es ist eher der Grundsatz von Noblesse Oblige, der hier vertreten wird. Wilhelm Weil, der Inhaber dieses Traditionsgutes ist, hat es sich nicht nehmen lassen, uns selber durch die brandneue Kelterhalle und den Fasskeller zu führen. Er macht das routiniert und charmant, man merkt, dass dies ein fest integrierter Teil seines Jobsist. Irgendwann aber, wir stehen längst im Probierraum des Kellers, wird es plötzlich persönlich. Wilhelm Weil war davon ausgegangen, wir hätten nur begrenzte Zeit und könnten deshalb nur drei Weine probieren. Als sich dies als Missverständnis herausstellt, huscht plötzlich ein Lächeln über Weils Gesicht, das ich vorher noch nicht bemerkt hatte. Er geht zum Regal, um eine neue Flasche zu holen. Dann noch eine und noch eine weitere. Weil, der ein so großes Weingut führt und überall auf der Welt für seine Weine geehrt wird – er freut sich diebisch. Denn trotz der unbestrittenen Professionalität ist Weil geradezu beseelt und voller Faszination für seinen Wein. Und dann ist da plötzlich, nach einer Reihe sehr guter Weine, der 2004er Riesling aus dem Gräfenberg im Glas. Der Gräfenberg, der das Panorama hinter dem Weingut bestimmt, ist Weils beste Lage. Hier entstehen die großen trockenen und edelsüßen Rieslinge. Hier findet man in den besten Jahren die Quintessenz des Rheingauer Rieslings. 

2004 verbindet sich die Klasse des Gräfenbergs mit der Besonderheit, dass Weil damals neue Fässer angeschafft hatte und dieses Mehr an Holz sich perfekt in den Wein integriert. Alles passt, es wird ruhig im Raum, in dem sich vorher noch ca. 30 Vinocamper leise unterhalten haben. Es ist einer dieser Momente, der mir wieder schlagartig klar macht, weshalb mich Wein so fasziniert. Zum Abschluss zaubert Wilhelm Weil ein paar Flaschen Mosel-Kabinett von J.J. Prüm aus einem Fach. „Diesen fruchtsüßen Kabinett, den machen die dort einfach besser“, sprach’s und verschwand, denn er hatte noch einen Termin auf Schloss Johannisberg.

 

Szenenwechsel. Geisenheim. Die Hochschule des Rheingauer Weinortes ist eine der berühmtesten Lehr- und Forschungsanstalten der Weinwelt. Und sie ist gleichzeitig seit nunmehr vier Jahren der Austragungsort des Vinocamps. Es wurde 2010 von Thomas Lippert und Dirk Würtz aus der Taufe gehoben. Sie sind die beiden Urgesteine des Weinbloggens. Deshalb war es nur konsequent, dass diese beiden so unterschiedlichen Typen gemeinsam eine Veranstaltung konzipieren würden, auf der sich all jene treffen können, die sich dem Wein verschrieben haben und die sich ganz selbstverständlich im Netz darüber austauschen, bloggen oder diskutieren. Mittlerweile sind es deutlich über einhundert Teilnehmer, die sich für ein Wochenende im Jahr im Rheingau einfinden. Dabei ist die Zusammensetzung total gemischt. Es sind natürlich Profis, wie es die beiden 

Initiatoren auch sind: Kellermeister, Weinmacher, Weingutsbesitzer, aber auch Händler und PR-Leute. Darüber hinaus findet man jene, die sich auch öffentlich im Netz über Wein äußern, Leute also, zu denen ich selber gehöre. Das eigentlich Schöne aber ist, dass sich dort auch Leute hintrauen, die einfach nur Wein mögen und die das Camp nutze wollen, um sich mit anderen ein paar Tage lang darüber auszutauschen und dazuzulernen.

Für eine solche Horizonterweiterung war an diesem Wochenende viel Platz. Vor allem, wenn man etwas über die richtige Kombination von Wein und Speisen lernen wollte. So konnte ich an einer Session teilnehmen, in der Weißer Bordeaux – und zwar von Entre-deux-Mers bis Sauternes – mit verschiedenen Gerichten kombiniert wurde, die drei Foodblogger passend kreiert haben. 

Mehr als erhellend war auch die Stunde mit Martin Darting, der von wissenschaftlicher Seite aus erklären konnte, weshalb manche Kombinationen passen und welch unerwartete Effekte bestimmte Aromenkombinationen haben können. Beispiel? Wer einen wirklich sauren Wein im Keller hat, sollte diesen einmal öffnen und vor dem Probieren Salz und Zitrone zu sich nehmen – etwa so, wie man das beim Tequila macht. Dieser Salz-Säure-Kick führt zu einem Totalausfall der Säure-Geschmacksrezeptoren und macht aus einem sauren Wein einen weichen und harmonisch wirkenden Wein. Das nur als Beispiel für eine ganze Menge an Überraschungen. Eine Hauptattraktion am Sonntag war die Session mit der Grand Dame des Foodpairings, Christina Fischer, die sich gleichzeitig analytisch und leidenschaftlich der richtigen Kombination von Wein und Speisen verschrieben hat – und zeigt, dass diese beiden Herangehensweisen sich keineswegs ausschließen. 

Ein fester Bestandteil des Camps sind die sozialen Weinproben am Samstagnachmittag. Hier finden parallel zehn Proben zu unterschiedlichen Themen statt, die man vorher einreichen kann. Eigentlich hatte ich mich für das Thema Wein & Wurst entschieden - wieder so ein Wein-und-Speisen-Thema. Dann aber fiel einigen Tage vor dem Vinocamp der Moderator der Verkostung Autochthone Rebsorten aus und so habe ich als Co-Moderator durch diese Veranstaltung geführt. In einer kleinen Achtergruppe widmeten wir uns jenen Sorten, die meist nur in geringem Umfang in einer bestimmten Region entstanden sind und dort bis heute angebaut werden. Einige Beispiele dafür sind die Sorten Tauberschwarz in Franken, Heida in der Schweiz, Uva di Troia in Apulien oder Romorantin an der Loire. 

Immerhin gibt es bis heute über 20.000 Rebsorten weltweit – kommerziell genutzt wird jedoch nur ein Bruchteil und wirklich bekannt sind nur eine Handvoll.
Wie viel Charakter diese Sorten jedoch haben können zeigte der fantastische 2011er Frappato der sizilianischen Weinmacherin Arianna Occhipinti, ein frischer roter Sommerwein, der gleichzeitig erstaunlich vielschichtig und harmonisch daherkommt. Und das bei moderatem Alkoholgehalt und ordentlicher Säure – obwohl die Rebsorte im Süden Siziliens wächst und der ist nicht gerade als kühle Gegend verschrien. 

 

Mein persönliches Highlight, ich komme nicht darum herum, dies zu sagen, war die Party am Samstagabend. Geplant war eine große Feier im Park der Weinbaufachschule, schließlich wurde es jedoch die Aula, es regnete einfach zu stark. Das allerdings tat der Stimmung keinen Abbruch, hatte doch jeder mindestens einen Wein mit zur Feier gebracht und die Reste der sozialen Weinproben waren auch noch da. Zusätzlich dazu lief im Hintergrund das Achtelfinale zwischen Brasilien und Chile. Seit 2013 ist die Verleihung des Wein Online Award fester Bestandteil der Feier. Dieser Preis zeichnet die besten Projekte, Fotos und Artikel aus, die online zum Thema Wein im letzten Jahr erschienen sind. Am letzten Wochenende wurde das Weingut Franzen für ein Foto vom Frühnebel über der Terrassenmosel ausgezeichnet. Das Projekt weinlagen.info, erhielt den Preis für das beste Projekt – und das mehr als verdient. Denn das von Karlheinz Gierling initiierte Projekt zeigt auf Grundlage von Google Maps nach und nach alle einzelnen Weinlagen Europas auf. Das ist ein Mammutprojekt, bei dem schon erstaunlich viele Lagen eingetragen sind. Suche ich zum Beispiel die Lage Bopparder Hamm Feuerlay, finde ich sie dort mit ein paar Mausklicks, sehe ihre Größe, die dort ansässigen Erzeuger und die genaue Abgrenzung innerhalb des Weinbergs. Dass die Anwesenden des Vinocamps den Auftaktartikel meiner virtuellen Weinreise durch die Champagne als besten Artikel des Jahres würdigen würden, hatte ich natürlich gehofft, aber dank vier sehr starker Mitbewerber nicht wirklich erwartet.

Ganz abgesehen von diesem persönlichen Erfolg und dem Wiedersehen mit Vielen, die ich sonst das ganze Jahr nur lese, hat mich zutiefst beeindruckt, wie professionell und effektiv Thomas Lippert und Dirk Würtz dieses Camp mit ihrem kleinen Team, zu dem übrigens auch der Weinplaces-Autor Ralf Kaiser gehört, organisiert haben. Schließlich haben sie beide volle Jobs als Kellermeister und sind auch sonst ziemlich aktiv. Am Sonntag nachmittag und gefühlt 40 Vorträge, Diskussionen und Sessions später, war alles perfekt.

Das eigentlich Beste aber ist, dass das nächste Camp schon feststeht. #vcd15, wie es jetzt schon abgekürzt wird, findet am 27. und 28. Juni 2015 statt und zumindest ich habe diesen Termin schon fest in meinen Kalender eingetragen.

 

 

Bilder: Christoph Raffelt/Ralf Kaiser

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Christoph Raffelt

Christoph Raffelt ist ein ausgesprochen fleißiger Blogger, Kritiker, Podcaster, Prediger und Dozent in Sachen Wein. Da er auch gerne Gast ist haben wir ihn einfach eingeladen auch für uns zu schreiben.

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