Wenn Sommeliers reisen…

Wenn Sommeliers auf Reisen gehen, hat in der Regel Christine Balais die Finger im Spiel. Die charmante Weinfachfrau organisiert seit vielen Jahren sehr erfolgreich Bildungsreisen für Sommeliers und Fachleute in der Gastronomie. Sie kennt die Szene wie keine andere und hält Kontakt zu jungen Nachwuchskräften und weinbegeisterten Fachleuten. Ihre Reisen sind beliebt aber auch straff organisiert. Da unser vinophiles Umfeld neben Weiterbildung aber auch noch aus Netzwerk und Lebenslust besteht, war der Fokus ganz klar auf das alljährliche Fasslboot-Rennen des Österreichischen Sommelier-Verbandes und der burgenländischen Leithaberg-Winzer gerichtet. 

Pack‘ die Badehose ein!

Vor einigen Jahren hat Martin Pasler, Winzer aus dem burgenländischen Jois  dieses sportlich-vinophile Event nach dem Vorbild des alljährlich stattfindenden Drachenbootrennens für die bayerischen Gastronomie ins Leben gerufen. Schnell konnte der einfallsreiche Winzer die dynamische Präsidentin des Österreichischen Sommelier-Verbandes, Annemarie Foidl, ins sprichwörtliche Boot holen. Dieses Rennen ist mittlerweile Anlaufstelle für die gesamte österreichische Sommelier-Szene. Hier paddeln Winzer und Gastronomen nicht nur um die Wette, sondern verkosten und diskutieren die Weine der schiefer- und kalkreichen Leithaberg-Region. Einziger Unterschied: Jackett und Krawatte werden gegen Schwimmdress und Sonnencreme getauscht. So steht man dann plötzlich weltbekannten Winzern wie Hans „John“ Nittnaus, Markus Altenburger oder Georg Prieler im Badeanzug mit gefülltem Weinglas gegenüber und diskutiert den Einfluss des hiesigen Terroirs.

Terroir-Diskussion am Leithaberg

Bevor am Abend die schwungvolle „White-Dress-Party“ steigt, organisiert der Österreichische Sommelier-Verein eine alljährliche Leithaberg-Masterclass. Die diesjährige Verkostung war der aktuellen Terroir-Diskussion und den damit verbundenen Strömungen der Region geschuldet und stand unter dem Motto: „That´s Leithaberg in International Context“. Die unterschiedlichen Weintypen wurden „blind“ in 3er-Flights mit eingeschmuggelten ausländischen „Piraten“ serviert. Der terroir‘istische Workshop, maßgeblich von Thomas Breitwieser, Benjamin Mayr und den anwesenden Leithaberg-Winzern organisiert, bewies einmal mehr das Potential und die unglaubliche Strahlkraft der unterschiedlichen Schiefer- und Kalkweine der Region. 

 

Pop up Tasting & Bubble Point

… oder die neue Art der Weinprobe. Als wäre das Programm noch nicht straff genug, haben wir bereits am Flughafen Birgit Braunstein kontaktiert und sie um einen kleinen Einblick in ihre Kollektion gebeten. Gesagt, getan. Auf dem schattigen Hotel-Parkplatz öffnet Birgit ihren Kofferraum und verzaubert uns mit ihren vielschichtigen, eleganten Weinen, die übrigens nicht nur qualitativ zur ersten Liga zählen, sondern auch die Seele berühren. Während wir noch in anderen Sphären schweben, ploppt der Weckruf: Peng! Peter Szigeti lässt die Korken knallen und gibt uns einen Einblick in seine Sektkellerei, die er gemeinsam mit seinem Bruder Norbert führt. Die Brüder besitzen keine eigenen Weinberge, sondern kaufen ihre Grundweine bei Vertragswinzern. Rund 850.000 Flaschen werden hier gefüllt, eine weitere Viertel-Millionen Bouteillen werden lohnversektet.

Burgenländische Vielfalt

Bereits um 8.15 Uhr geht es los, denn für Sommeliers hat das Burgenland eine große Vielfalt zu bieten: Zu einem grandiosen Süßwein-Tasting lädt Dr. Josef „Pepi“ Schuller MW und Leiter der Weinakademie Rust gemeinsam mit Heidi Schröck, Günter Triebaumer und Michael Kajdocsi vom Weingut Kracher. Anhand eines Quartetts von 4er-Flights können wir die gesamte Palette der burgenländischen Süßwein-Typen von fruchtbetonten Spät- und Auslesen sowie Botrytis geprägte Beeren- und Trockenbeerenauslesen über glasklare Schilf- und Eisweine bis hin zum konzentrierten Ruster Ausbruch studieren. 

Pannonischer Einfluss

Extrem beeindruckt sind wir von der Wein-Qualität der Pannobile-Winzer und der damit einhergehenden Entwicklung, die uns Gernot Heinrich, Hans „John“ Nittnaus und „rennersista“ Susanne Renner in allen Facetten mit den jeweiligen flüssigen Beispiele erklären. Während des hochwertigen Tastings und in der folgenden Diskussion bekommen wir einen kleinen Einblick über die derzeitigen Strömungen der Weinbereitung, angefangen bei der Umstellung zur Biodynamie über Spontan- und  Maischegärung (Trendsetter Orange Wine) bis hin zum Einfluss von Holz, unterschiedlichen Fassgrößen, Amphoren und anderen Gebinden. 

Jetzt schlägt’s 21

Christian Zechmeister, Burgenland Wein, präsentiert uns gemeinsam mit Albert Gesellmann und Georg Prieler ein Burgenländisches Rotwein-Spektakel, das wir so schnell nicht wieder vergessen werden! Die Vielfalt der unterschiedlichen Rotwein-Stilistiken kommt ebenso zum Tragen wie die entsprechende Alterungsfähigkeit und die damit verbundene Entwicklung. Neben den jüngeren Jahrgängen 2012 und 2011 dürfen wir fünf grandiose 2009er Exemplare sowie 2006er, 2004er, 2002er und einen fulminanten 1999 Blaufränkisch Goldberg von Prieler verkosten.

Newcomer und Pioniere

Am Abend wird die Gruppe in kleine Teams geteilt, es gibt spannende Jung- und etwas unbekanntere Winzer bei einer individuellen Kleingruppen-Tour zu entdecken. Der nächste Tag führt uns am Neusiedler See entlang über die ungarische Abkürzung ins etwas wärmere Mittelburgenland. Wir fahren von einer Top-Lage zur nächsten und entdecken die Vielfalt und Fülle der unterschiedlichen Rieden des Mittelburgenlandes. Im „Goldberg“ in Deutschkreutz treffen wir Silvia Heinrich und Markus Kirnbauer, im „Hochberg“ in Neckenmarkt empfangen uns Christine Wellanschitz und der Winzerkeller Neckenmarkt, anschließend dürfen wir im Horitschoner „Dürrau“ die Weine von Weninger und Kerschbaum verkosten.

Wenn Wein die Schulbank drückt 

Spätestens nach dem morgendlichen Seminar-Frühstart mit fundiertem Burgenland Update samt Verkostung von Markus Hareter, Wein Burgenland, und Stefan Haubenwallner, Präsident des Burgenländischen Sommeliervereins, waren sich alle Sommeliers einig: Jede Menge Spass und hochwertige Wissensvermittlung, die wir dem vollgepackten aber unglaublich spannenden Reiseprogramm von Markus Harter und Christian Zechmeister, Geschäftsführer Wein Burgenland, zu verdanken haben. Für uns ganz klar: wir kommen wieder! 

Denn mit seinen rund 13.800 Hektar verfügt das Burgenland  (Österreich gesamt: 46.000 Hektar) über eine extreme Vielfalt an Weintypen und -Stilen. Hinzu kommen die unterschiedlichen Entwicklungsphasen der Winzer und die damit verbundenen Weinqualitäten. Der Herkunfts-Gedanke macht Schule, Blaufränkisch wird zu einer österreichischen „Marke“ und drückt den Boden aus, auf dem er wächst. Die Rotwein-Cuvées nach Bordelaiser Vorbild sind feiner und eleganter geworden. Mit einem Anteil von 45 Prozent teilen sich die Weißweine in unkomplizierter Einsteiger-Tropfen, herkunftsbetonte Terroirweine und interessante Experimente wie maischevergorene „Orange Wine“ Typen. Nicht zu vergessen die burgenländischen Süßweine, die legendär sind, bereits vor Jahrhunderten waren sie über die Grenzen hinaus bekannt. 

Gerolsteiner-Weiterbildungs-Stipendium

Die Initiative WeinPlaces wurde 2014 von Gerolsteiner ins Leben gerufen und hat das Ziel, weinaffine Gastronomen aus ganz Deutschland zusammenzuführen und zu fördern. So kommt der Weiterbildungsgedanke zum Tragen, Gerolsteiner setzt sich für Fortbildung der WeinPlaces-Mitarbeiter ein und vergibt persönliche Stipendien. Bei dieser Reise waren Bettina Hess, Emma 2 in Essen und Melanie Panitzke vom Kölner Wein am Rhein die glücklichen Gewinner.

Im Detail 

Wer noch mehr über diese Sommelier-Reise, die anwesenden Winzer und die Weine erfahren möchte, klickt sich bitte hier! rein.

Christina Fischer

Christina Fischer

Christina Fischer

Die Sommeliere und Buchautorin Christina Fischer lebt und arbeitet in Köln. Ihre vielseitigen Aktivitäten bündelt sie in ihrer Kölner GENUSS Werkstatt.

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