Die Rückkehr des Malbec

Rund 130 verschiedene Namen gibt es für eine dickschalige, tiefschwarze Rebsorte, die in den Büchern der Rebenforscher und bei den meisten Winzern des westlichen Frankreichs als Côt bezeichnet wird. Viel bekannter aber ist diese alte Sorte unter dem Namen Malbec. Der Malbec war über lange Zeit hinweg eine der wichtigsten roten Sorten im Südwesten Frankreichs, vor allem im Cahors, aber auch im Bordelais, wo er in den 1960er Jahren noch rund 5.000 Hektar belegte. Heute sind es keine 1.000 mehr. Einige Jahrzehnte lang konnte man den Eindruck gewinnen, dass der Malbec aus seinem Ursprungsgebiet vollständig verschwinden würde, während er parallel dazu in seiner zweiten Heimat Argentinien zum Aushängeschild des dortigen Weinbaus geworden ist. Doch seit einigen Jahren verändert sich etwas an den Ufern des Lot im Cahors. Und auch im Bordelais gibt es wieder mehr Winzer, die Malbec neu anpflanzen. 

Ein veränderter Anbau sorgt fürs Revival

Im Mittelalter gehörten die Weine aus Cahors zu den bekanntesten Europas. Den schwarzen Wein aus Cahors, in dem viel Malbec und zusätzlich Tannat verarbeitet wurde, hat man nach ganz Europa exportiert. Doch irgendwann hat der elegantere Bordeaux den Weinen aus Cahors den Rang abgelaufen. Cahors war völlig out, denn die Weine hatten ein Problem. Sie galten als hart, tanninreich und als zu säurestark: kein Wunder, stehen die Reben doch auf einem sehr kalziumreichen Kalksteinboden, der ordentlich Kraft in die Reben bringt und eben auch für viel Energie sorgt. Geht man davon aus, dass die Reben über lange Zeit eher früh gelesen wurden, so kann man sich vorstellen, dass die hartschalige dunkle Sorte für ein mehr als pelziges Gefühl auf der Zunge gesorgt hat – und das zumindest für die ersten zehn Jahre nach der Abfüllung. Wer heute Malbec probiert, spürt davon nur wenig. Denn die neue Winzergeneration nutzt zwar alle Vorteile der Böden und des besonderen, vom Atlantik bestimmten Klimas, doch die Ecken und Kanten dieser Rebsorte kann man heute runden und polieren, ohne sie dabei direkt glatt zu bügeln. 

Fabien Jouves und die Cahors-Gang

Die ersten Weine dieser Generation habe ich vor rund fünf Jahren in einem Weinladen in Brüssel entdeckt. Dort stand eine ganze Reihe Flaschen eines Winzers, von dem ich damals noch nie gehört hatte. Sein Name ist Fabien Jouves, und er ist einer der jungen Meister des Cahors-Malbec. Er nutzt die verschiedenen Kalk-Formationen seiner Böden, die Mikroklimata und vor allem die unterschiedlichen Möglichkeiten im Keller. Seine vins de soif, die unkomplizierten Alltagsweine, bekommen eine maceration carbonique, ähnlich einem Beaujolais. Diese Vergärung sorgt dafür, dass das Tannin weich und rund wird und der Wein ganz auf der Frucht bleibt. Seine Weine stehen violett im Glas, duften nach dunklen Beeren und Zwetschgen, sie haben die typisch lebendige Säurestruktur und sind dabei rund und unkompliziert. Seine Lagen- und Parzellenweine legt er je nach Typ ins gebrauchte Holzfass, in den althergebrachten Betontank oder in die Amphore. Mit dieser Anpassung der Ausbaumethoden ist er nicht mehr allein. Längst ist daraus eine Malbec-Bewegung geworden. Musste ich die Fabien-Jouves-Weine der Domaine Mas del Périé damals noch aus Belgien mitbringen, gibt es bei uns heute eine beachtliche Auswahl von ihm und seinen Freunden. Dazu gehört Julien Ilbert mit seinem Weingut Château Combel-la-Serre, und dazu gehören ebenso Emmanuel Rybinski mit seiner Domaine Clos Troteligotte sowie die Brüder Croisille vom Château Les Croisille. All diese Winzer arbeiten nach ecocert- bzw. demeter-Standards. Und sie nutzen das, was die Rebsorte heute so interessant macht. Malbec ist ein unglaublich guter Terroir-Übersetzer. Jede noch so kleine Schwankung im Bodentyp und Klima findet sich im Wein wieder. Da wird es dann auch keine Spur langweilig, wenn die 

Winzer mal eben sechs, sieben oder acht verschiedene Malbecs auf den Tisch stellen. Jeder hat seinen eigenen Charakter. Das, was sie verbindet, ist immer die Dunkelheit in der Frucht, das griffige Tannin sowie die beeindruckende lebendige Säure und Mineralität. Das macht den Wein zu einem hervorragenden Essensbegleiter – doch dazu später mehr.

Malbec, die ikonische Rebsorte Argentiniens

Denn der Malbec ist längst nicht mehr nur in Europa zu Hause. Er hat seine zweite Heimat in Argentinien gefunden. In den Höhenlagen von Mendoza mit Blick auf die Anden zeigt er ein weiteres Gesicht. Das Terroir ist hier ein völlig anderes. Tagsüber wird es heiß, nachts aber bitterkalt. Das sorgt einerseits für eine starke Fruchtausbildung, andererseits bleibt aber die Säure erhalten. Der Malbec steht dort vor allem auf Ton und Schwemmland mit einem Mineralanteil, der seit Urzeiten von den Anden in die Täler gespült wurde. Das Klima ist trocken, die Wurzeln müssen tief in die Erde dringen. Der argentinische Weinbau ist mit dieser Rebsorte weltbekannt geworden. Die Kombination aus Kraft und süßer dunkler Frucht kann wirklich betörend sein. Und in den besten, den hoch gelegenen Lagen entstehen voluminöse und komplexe Weine, die in ihrer dunklen Frucht und abgründigen Tiefe durchaus ein Alleinstellungsmerkmal besitzen. Wer einmal einen Catena Zapata Malbec vom Adrianna Vineyard von über tausend Meter hoch gelegenen Weinbergen probiert hat, weiß, was ich meine. Dass es nicht ganz so hoch, aber vergleichsweise ebenso extrem geht, zeigen die Weine der Bodega Noemia in Patagonien. Das Weingut liegt in einem Tal, das von den Briten ab 1928 bewässert wurde. Rundherum befindet sich Wüste, doch im Tal wachsen wurzelechte Malbec-Reben mit einem Alter von rund 90 Jahren. Daraus entsteht einer der aktuell feinsten Malbecs, die ich kenne. Der hat seinen Preis, ist dafür aber auch in jeder Hinsicht einzigartig.

Malbec als Speisebegleiter

Wenn Sie einen argentinischen Weinmacher fragen, wozu er seinen Malbec reichen würde, dann lautet die Antwort unisono: zum Barbecue. Das würde auch Dieter Meier, Gründer der legendären 80er-Jahre-Elektroband Yello bestätigen, zumal der neben dem Wein und anderen Aktivitäten auch noch Rinder züchtet. Ja, ein Medium-T-Bone-Steak und Mendoza Malbec sind ein match in heaven. Wenn man beim Fleisch bleibt, geht allerdings noch viel mehr. Pulled Pork zum Beispiel funktioniert sehr gut, aber ebenso Süßkartoffeln und Mais vom Grill. Die Kombination gilt auch für die etwas kühleren Cahors-Malbecs. Frucht und Tannin passen einfach gut zur fleischbetonten Küche. Ein Cassoulet oder eine geschmorte Rinderbacke sind da ebenso eine Empfehlung wie Steak frites. Die vins de soif sind zudem genau die Art Sommerrotweine, die ich mag. Leicht gekühlt, saftig, unkompliziert mit Säure und Grip. Das funktioniert sehr gut. Malbec ist für mich eine der spannendsten Neuentdeckungen der letzten Jahre.

Empfehlung:

Fabien Jouves (Mas del Périé) Malbec Invadors

Offiziell ist der Wein ohne Jahrgang. Macht nichts, der schmeckt in jedem Jahr gut. Der biozertifizierte Malbec brizzelt noch ein bisschen, wenn man ihn ausschenkt. Das ist sehr frisch, sehr saftig mit ein wenig macération carbonique. Das Etikett und der Name sind dem 1980er Konsolenspiel Space Invaders angelehnt. Nur soll man hier Malbec statt Raumschiffe vernichten. Bei diesem Wein kein Problem. (www.weine-visentin.de)

Mas del Périé Amphore

Wie der Name schon andeutet, wurde der vom Kimmeridge-Kalk stammende Malbec in große toskanische Amphoren gelegt. Wer jetzt denkt, das sei ein Natur-Freak-Wein, sieht sich getäuscht. Die Amphore gibt dem Malbec ein seidiges Mundgefühl und eine zusätzliche kühle Note. Der Ausbau im Ton sorgt ferner für Stabilität, sodass nicht zusätzlich geschwefelt werden muss – ein Essensbegleiter für sehr viele Speisen. (www.weine-visentin.de)

Combell La Serre, Pur Fruit de Causse

Hier bekommt man für kleines Geld einen Wein mit großem Trinkfluss. Causse, zu Deutsch Kalk, sorgt für Spannung und Frische, die sich durch die pure Malbec-Frucht zieht. Da ist die Flasche extrem schnell geleert. (www.alleswein.com)

Clos Troteligotte, K-or

Noch so ein kühler dunkler Vertreter des neuen Cahors. Fast abgründig die Noten von Teer, Schlehe, Zwetschge und Holzkohle. Am Gaumen kommt dann aber die Saftigkeit mit voller Breitseite. Das ist fleischig, kühl und in wunderbarer Weise rustikal. So darf dann auch das Essen dazu sein. (www.vinaturel.de)

Château Les Croisille, Silice und Calcaire

Die beiden Malbecs von den Croisille-Brüdern sind eine gute Gelegenheit, um zu erkunden, wie deutlich sich Malbec je nach Boden unterscheidet. Hier bilden Feuerstein und Kalk die Grundlage. (www.weinhalle.de)

Dieter Meier, Puro Malbec 2016

Wenn man so will, dann ist der Puro ein ganz typischer Malbec. Er zeigt, wofür das Weinland steht, ist dabei nachhaltig sowie ökologisch erzeugt und zeigt, weshalb Mainstream auch mal sehr entspannend und befriedigend sein kann. (www.weinwolf.de)

Catena Zapata Nicasia Malbec

Von Weinbergen in mehr als tausend Metern Höhe, ausgebaut über 18 Monate in französischer Eiche. Das ist schon ganz schön komplex, tief und extrem saftig samt einem süßen Kern. Malbec für Hedonisten, irgendwo zwischen satter Pflaume, Tabak, Kräutern und deutlicher Mineralität. (www.cwdwein.de)

Bodegas Noemia, Noemia

Ein Wein von fast hundert Jahre alten wurzelechten Rebstöcken – aromatisch dicht, kräftig und doch voller Eleganz und Finesse, feiner und ziselierter als die Mendozas und damit stilistisch irgendwo zwischen dem typischen Argentinien und dem typischen Frankreich. Das aber liegt auf Highend-Niveau. Dazu ein Steak vom Txogitxu-Rind, und alles wird gut. (www.weinamlimit.de)

 

Bildrechte: Christoph Raffelt; iStock Fotografie

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Christoph Raffelt ist ein ausgesprochen fleißiger Blogger, Kritiker, Podcaster, Prediger und Dozent in Sachen Wein. Da er auch gerne Gast ist haben wir ihn einfach eingeladen auch für uns zu schreiben.

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